Der Sämann. Relief auf dem Kanzelaltar der Evangelischen Kirche Mörbisch am See
Der Sämann. Relief auf dem Kanzelaltar der Evangelischen Kirche Mörbisch am See

Unser Kanzelaltar mit dem Relief, das die Geschichte vom Sämann zeigt - ein Rufzeichen in unserer Kirche. Ein Ruf sich immer wieder neu am Wort Gottes zu orientieren. Unser Bild zeigt vor allem gutes, fruchtbares, gepflügtes Land. Auf guten Boden soll das Wort Gottes fallen. In unsere Herzen, in eure Herzen wollen die Geschichten von Jesus, diese Liebesgeschichten von Gott und den Menschen. Geschichten, die wir kennen, die wir gehört haben, im Religionsunterricht, in den Gottesdiensten, im Konfirmandenunterricht, in den Bibelstunden. Geschichten sind das, die zum Leben helfen können. Die uns zeigen, wie wir mit uns selbst und mit unseren Mitmenschen umgehen können.

Nehmen wir die Geschichte vom verlorenen Sohn.

Sie sagt uns: Gott liebt und bejaht uns. Er nimmt uns an wie liebevolle Eltern ihre Kinder annehmen. Er nimmt uns unsere Fehler und Umwege nicht übel. Er achtet die vielen positiven Möglichkeiten, die in uns, die in jedem und jeder von euch stecken. Eine Geschichte ist das, die uns zum Leben hilft, weil es unser Selbstwertgefühl und unsere Selbstachtung stärkt, wenn wir uns von Gott geliebt wissen. Eine Geschichte, die ihre Wahrheit erweist, wenn wir sie in unser Herz, in unser Leben aufnehmen, wenn wir an sie denken. Dann fällt sie bei uns auf guten Boden.

Nehmen wir die Geschichte vom barmherzigen Samariter.

Sie zeigt uns einen halbtoten, auf Hilfe angewiesenen Mann. Sie lässt uns spüren, wie hart und zynisch es ist, dass Menschen ihn links liegen lassen, einfach an ihm vorübergehen. Und sie lässt uns aufatmen, weil schließlich einer kommt, ein Fremder, der ihm hilft, für ihn sorgt, ihm Liebe erweist. Einer, der ihm nahe kommt mit seiner Hilfe - der barmherzige Samariter. Auch eine Geschichte, die in unser Herz will. Immer, wenn uns jemand nahe kommt, uns jemand in einer Notlage hilft, wird sie wahr, diese Geschichte. Und genauso wird sie wahr, wenn wir nicht achtlos an einem Hilfesuchenden vorbeigehen. Sie fällt auf guten Boden, wenn wir sie beherzigen.

Oder wir nehmen die Stelle in der Bergpredigt, an der Jesus vom Bedürfnis der Menschen nach Sicherheit, vom Sich-Sorgen-Machen und Schätzesammeln redet und dem die unendliche Freiheit gegenüberstellt, die der Glaube, das Sich-bei- Gott-geborgen-Wissen schenkt. Er erinnert uns daran, dass jeder Tag ein Geschenk ist, das wir aus Gottes Hand nehmen. Und das das Leben immer mehr ist, als Sich-Sorgen-Machen und Schätzesammeln. Quält euch nicht mit Gedanken an morgen; der morgige Tag wird für sich selber sorgen. Es genügt, dass jeder Tag seine eigene Last hat, sagt Jesus (Mt 6,34). Immer, wenn wir an diese Sätze denken, uns befreien können von Sorgen, die uns niederdrücken und belasten, wenn die Lebensfreude zurückkehrt - immer dann werden diese Sätze wahr, finden sie guten Boden bei uns.

Noch so viele andere Geschichten sind es, die Gottes Wort uns schenkt. Lebens- und Liebesgeschichten. Geschichten, die in unsere Herzen wollen. Die wahr werden wollen in unserem Leben. Denn dazu sind sie da, diese Geschichten. Sie wollen erlebt werden, wollen gespürt werden, sie wollen uns helfen, ein gutes, ein glückliches Leben zu führen. Sie sind die Saatkörner, die auf guten Boden fallen wollen und Frucht bringen wollen in unserem Leben.

Das Gleichnis vom Sämann erzählt auch von Hindernissen, auf die die Geschichten treffen. Nicht immer kommen sie dort an, wo sie hingehören - in unseren Herzen. Manchmal sind wir hart und festgetreten, wie der Weg in dem Gleichnis. Die Saatkörner, die Geschichten können sich nicht einnisten in uns. Sie prallen an uns ab. Vielleicht lassen wir sie auch abprallen. Die Vögel kommen, auch sie sind auf dem Bild zu sehen - fast im Sturzflug - und fressen sie auf. Oder der felsige Untergrund - auch ein großer Felsen ist auf dem Bild zu sehen: Manche Geschichten gehen uns zu Herzen in einer bestimmten Situation, sind aber nicht tief genug in uns, um sich im Alltag zu bewähren. Und das Unkraut - es ist ganz vorne links auf dem Bild. Viele Dinge beschäftigen uns viel mehr als die Geschichten, die Jesus uns geschenkt hat. Sie werden überwuchert, überwachsen von anderen Dingen, die uns wichtiger sind. So geht der Schatz, den wir in diesen Geschichten haben, manchmal verloren.

Aber - und das ist das schöne an dem Gleichnis und an dem Bild auf unserer Kanzel: All das, was auf guten Boden fällt, all das, was unsere Herzen, unser Innerstes erreicht - all das bringt Frucht in unserem Leben. Jede Geschichte, die wir verinnerlicht haben, hilft uns liebevoll mit uns selbst und mit unseren Mitmenschen umzugehen. Und hilft uns so, Glück und Sinn für unser Leben zu finden.

Auch ein Weinstock ist auf unserem Bild zu sehen. Sogar ein sehr großer, auf der rechten Seite des Bildes. Man kann sich fragen, warum. Im Gleichnis kommt der doch gar nicht vor. Der Weinstock gehört zu Mörbisch, zum Mörbischer Wappen, zur Landschaft hier. Ich glaube, der Weinstock auf dem Bild soll uns daran erinnern, dass das Gleichnis vom Sämann hier bei uns wahr werden soll. Hier bei uns, in unseren Herzen, soll Gottes Wort, sollen die Liebes- und Lebensgeschichten auf gutes Land fallen. In unseren Herzen sollen sie aufgehen und Frucht bringen in unserem Leben.

Und über allem, und trotz mancher Wolken auf dem Bild: die Sonne. Was man aus der Ferne gar nicht sehen kann, haben wir herausgefunden, als wir das Bild für unseren Kirchenführer fotografiert haben: Die Sonne auf dem Bild hat ein lachendes Gesicht. Sie schickt ihre Strahlen, ihr Licht, ohne das nichts wachsen kann. Eine lachende, Licht und Wärme schenkende Sonne - sie zeigt uns, dass Gott uns seine Kraft, seinen Geist schenkt, damit sein Wort uns erreicht. Damit sein Wort in uns auf guten Boden fällt. Die lachende, Licht und Wärme schenkende Sonne zeigt uns auch die Freude Gottes darüber, dass diese Liebes- und Lebensgeschichten Frucht bringen in unserem Leben.

Wir sind Gott nicht egal. Wir sind ihm nicht gleichgültig. Er liebt uns. Und er freut sich darüber, wenn sein Wort in uns, auf fruchtbaren Boden fällt.                

Joachim Grössing, aus der Predigt zum Kirtag 2017


Psalm 73

 

Gott ist gut zu mir gewesen,

o ja,

hat mich geläutert.

Meine Füße gingen verkehrt,

ich war auf dem Weg in das Chaos:

Ich war voll Neid auf Schufte und Schänder,

auf ihre Wohlfahrt, ihre Bäuche.

Alle Sterblichen müssen sich quälen

– nur die nicht, 

Diamantenschnüre um den Hals,

vorquellenden Augen,

Mund weit auf,

voll Hasstiraden,

großmäulig bis zum Himmel,

Zunge, die die Erde vergiftet.

 

So kriechst du vor denen,

kungelst du mit.

Sie sagen: Der Allerhöchste, euer Gott, weiß nichts.

 

Ich prüfte mein Herz,versuchte nicht zu hassen.

Dachte: Da werde ich mittun – warum ihren Weg nicht gehen?

Doch dann verleugne ich, was ich bis jetzt gelebt habe,

und überlasse meine Kinder einem schleichenden Unheil.

 

So schwankte ich hin und her.

Dann plötzlich wurde es Licht,

und ich sah sie enden im Nichts,

sah sie verdunsten ins Leere.

 

Dumm war ich, grämlich, verbittert,

ein Untier war ich, ging dich an,

aber doch an dich angelehnt.

Mein Hand in deiner Rechten.

Du hast einen Plan, halt mich fest.

Ich weiß nicht wohin,

ich will keinen Himmel,

ich will die Erde.

Ich will, dass mein Herz sich hält

und dass du mein Fels bist auf ewig.

Weit weg von dir – das ist kein Leben.

Nah bei dir geht es mir gut.

 

nach der Übertragung von Huub Oosterhuis