Orgelkonzert

Johann Sebastian Bach

Dritter Theil der Clavier Übung

- kleine und große Bearbeitungen -

Andreas Etlinger, Orgel

Freitag, 7.April 2017, 19 Uhr

Evangelische Kirche A.B. Oberwart

Sonntag, 9.April 2017, 17 Uhr

Römisch-katholische Pfarrkirche Oggau 

 

Ein seltenes Hörvergnügen! Dieses Werk Johann Sebastian Bachs ist vor allem ein abwechslungsreiches Kompendium der Orgelkunst, das überaus vielfältige Musik enthält. Sowohl in freien als auch in choralgebundenen Stücken zeigt Bach, was auf der Orgel alles möglich ist. Zu hören im Reformationsjubiläumsjahr2017 in einer evangelischen und einer katholischen Kirche. Andreas Etlinger ist zweiter Stiftsorganist in St.Florian und ein genialer Interpret der Orgelmusik J.S.Bachs.

 

Eintritt frei! Spende erbeten!

Dauer: ca. 2 Stunden incl. Pause mit Imbiss

- eine Veranstaltung der Evangelischen Kirchenmusik Burgenland -

Kooperationspartner: Ev. Pfarrgemeinde Oberwart und Röm.-kath. Pfarrgemeinde Oggau 

 

Andreas Etlinger absolvierte seine Orgel- und Kirchenmusikstudien unter anderem am Brucknerkonservatorium Linz und – als Schüler von Michael Radulescu – an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Wien.  1996–1999 Stiftsorganist am Augustiner Chorherrenstift St. Florian sowie Unterrichtstätigkeit am Konservatorium für Kirchenmusik der Diözese Linz. 2003–2006 Organist der Pfarrkirche St. Paul in Wien-Döbling, dazu Projekte im Bereich Computernotensatz (u. a. Erzdiözese Wien, Wiener Hofmusikkapelle). Seit Jahresbeginn 2007 wirkt Andreas Etlinger wiederum als zweiter Stiftsorganist in St. Florian. Weiterhin Notensatzprojekte (zuletzt Musikverlag Doblinger, Wien), Konzerttätigkeit als Organist, CD-Produktionen (u. a. „In chordis et organo“, Spektral Records 2013), diverse Kompositionen. 

 

INFORMATIONEN ZUM WERK

Die folgende Erläuterungen erheben keinen wissenschaftlichen Anspruch, sondern wollen Verständnishilfe sein. Sie entspringen zum einen Teil der Beschäftigung mit dem Werk und der Theologie J.S.Bachs. Zum anderen Teil sind es  persönliche Wahrnehmungen - Bezüge, die man herstellen kann oder eben auch nicht.

 

Johann Sebastian Bach, Dritter Theil der Clavier Übung

 

Das Werk ist 1739 erschienen anlässlich der Zweihundertjahrfeier der Einführung der Reformation in Leipzig. Es lässt sich insgesamt als Verneigung vor der Trinität/Dreieinigkeit Gottes verstehen, weist es doch vielfältige Bezüge zur Zahl 3 auf – der Zyklus besteht aus 27 Stücken (3x3x3), es gibt 3 große und 3 kleine Kyrie-Vertonungen, 3 Gloria-Sätze, Präludium und Fuge Es-Dur sind jeweils dreiteilig usw...

Bach versuchte in seinen Kompositionen immer wieder, innerhalb von vorgegebenen Formen und Stilen die Grenzen des Möglichen auszuloten. Es hat ihn Zeit seines Lebens gereizt, immer wieder Neues auszuprobieren in formaler, rhythmischer und harmonischer und melodischer Hinsicht.

So ist die Sammlung vor allem ein abwechslungsreiches Kompendium der Orgelkunst, das überaus vielfältige Musik für die Orgel enthält. Sowohl in freien als auch in choralgebundenen Stücken zeigt Bach, was auf der Orgel alles möglich ist.

„Der dritte Theil der Clavier Übung stellt durch seinen Gesamtplan und durch die Aussage der einzelnen Stücke, durch die Tonarten und durch die stilistische und affektmäßige Vielfalt die Summa der lutherischen geistlichen Musik aber auch der Gelahrtheit eines wahren musicus doctus an der Schwelle zur neuen Welt der Aufklärung dar.“ (Michael Radulescu)

  

ZU DEN EINZELNEN STÜCKEN:

 

1 Praeludium Es-Dur  BWV 552/1

Drei große Teile, die miteinander verwoben sind – durch Wiederholung und Abwechslung. Vater, Sohn, Heiliger Geist.

Im ersten Teil des Präludiums überschwängliches Lob. Lob des Vaters, des Schöpfers. Ich spüre in dieser Musik die Majestät, Herrlichkeit und Schönheit Gottes, aus der alles - einfach alles - hervorgeht, und zu der am Ende alles hinführt. Wiege des Urknalls und Ziel der Expansion des Universums. Und doch gleichzeitig Ursprung und Ziel meines, unseres Lebens. Alpha und Omega, Anfang und Ende.

Der zweite Teil beginnt mit einer absteigenden Figur, bei der am Ende immer ein einzelner, tiefer Ton im Pedal übrig bleibt. Die Menschwerdung Jesu wird dargestellt. Darauf folgt ein Abschnitt mit Synkopen und chromatischen Wendungen – der Sohn wird ins menschliche Leben und Leiden hinein verwickelt. Gott hat sich uns ganz und gar ausgeschüttet und nichts für sich behalten, sagt Luther (GrKat 735). Erlösung als Leidenschaft und Leiden - der Weg der Liebe, den Gott gewählt hat, ist ein mühsamer Weg.

Den dritten Teil über den Heiligen Geist hat Bach in Fugato-Form komponiert. Er beginnt mit einem musikalischen Rufzeichen in Form von zwei Synkopen, gefolgt von einer Sechzehntelbewegung, die erst über eine Oktave absteigt und sich dann in größer werdenden Intervallsprüngen ausbreitet.

Motivation für Skeptiker. Bach scheint zu sagen: Mit dem Heiligen Geist wird zu rechnen sein. Er nimmt in der Welt immer mehr Raum ein – als schöpferischer Geist, als Geist der Liebe und als Geist der Heiligung. Seine Aufgabe – auf Erden fängt er die Heiligkeit an und mehrt sie täglich... (GrKat 748).

 

2-- Kyrie, Gott Vater in Ewigkeit    a 2 Clav. e Pedale   BWV 669

3 -- Christe, aller Welt Trost   a 2 Clav. e Ped.   BWV 670

4 -- Kyrie, Gott Heiliger Geist   a 5 con Organo pleno    BWV 671

Die ersten sechs Choralbearbeitungen seines Zyklus widmet Bach dem Kyrie- und Gloria-Gesang des lutherischen Gottesdienstes. Die Melodie steigt vom Sopran – der Vater, der über allem thront – über die Mittelstimme Tenor – Christus, der Mittler zwischen Gott und den Menschen hinunter in den Bass – der Heilig Geist als Fundament, das unseren Glauben stärkt.

Obwohl der Grundschlag gleich bleibt, entsteht durch vermehrte Verwendung von kürzeren Notenwerten der Eindruck einer Temposteigerung. Alle drei Stücke sind im alten Stil verfasst, der auch stilus gravis oder Kirchenstil genannt wird.

 

5 -- Kyrie, Gott Vater in Ewigkeit   Alio modo. Manualiter   BWV 672

6 -- Christe, aller Welt Trost   BWV 673

7 -- Kyrie, Gott Heiliger Geist   BWV 674

Nach den großen Bearbeitungen, die Pedal und teilweise zwei Manuale verlangt haben, kommen jetzt drei Bearbeitungen für Orgel Manualiter. Diese Abfolge von großen und kleinen Bearbeitungen, die Bach bei allen Choralbearbeitungen dieses Zyklus beibehält, ist möglicherweise eine Anspielung auf den Großen und Kleinen Katechismus Martin Luthers.

Das erste Stück – eine Paraphrase über den Anfang des Kyrie-Liedes im modernen stilus instrumentalis; das zweite Stück - eine Fughetta über die erste Liedzeile; im dritten Stück wird der Heilige Geist nicht als tiefes Brausen, sondern als sanfte, tröstliche Bewegung hörbar. Wieder ergibt sich bei gleichem Grundschlag eine Tempoprogression – diesmal durch verschiedene Taktarten.

 

8 -- Allein Gott in der Höh sei Ehr   a 3    BWV 675

9 -- Fughetta super: Allein Gott in der Höh sei Ehr   a 2 Clav. e Pedale   BWV 676

10 -- Fughetta super: Allein Gott in der Höh sei Ehr   Manualiter   BWV 677

A Das erste Stück zu Luthers Gloria Lied, das an jedem Sonntag im Gottesdienst angestimmt wurde und vielfach noch wird: dreistimmig, die Melodie im Alt. Fröhliche Wendungen, Triolen gegen Zweiergruppen - modernste rhythmische Lebendigkeit. Vielleicht ein Bezug zur Textzeile `ein Wohlgefalln Gott an uns hat´.

B Das zweite Stück - ein klassisches Choraltrio, bei dem Bach auch das Anfangsthema aus der Choralmelodie gewinnt und das jubelnden Charakter hat. Stück für Stück mischt sich die Choralmelodie unter die Musik. Besonders eindrücklich: die kleine Tanzeinlage nach der Choralzeile ...nun ist groß Fried ohn Unterlass.

C Im dritten Stück kann man sich die Engel bei den Hirten auf dem Feld in Bethlehem vorstellen. Eine Doppelfuge. Die beiden Themen gewinnt Bach aus den ersten beiden Choralzeilen und führt sie in den letzten fünf Takten des Stücks zusammen. Das ganze dauert ganze 20 Takte - ungefähr eine Minute. Dann sind die Engel wieder im Himmel verschwunden.

 

11 --  Dies sind die heil ‘gen zehn Gebot’   a 2 Clav. e Pedale   BWV 678

Mit den beiden Bearbeitungen über die 10 Gebote beginnt eine Reihe von Bearbeitungen, die den Katechismus-Liedern Luthers gewidmet sind. Die Reihenfolge der Stücke stimmt fast völlig mit dem Aufbau des Kleinen und Großen Katechismus Marin Luthers überein.

Mit paradiesischen vier Takten beginnt die große Choralbearbeitung ´Dies sind die heil ´gen zehn Gebot`. Gott ist ein ewiger Quellbrunn, der von eitel Güte überfließt, und von dem alles, was gut ist und gut heißt, ausfließt (GrKat 596).

Dann mischen sich dunkle Töne, Seufzer, in die reine Idylle des Anfangs. Insgesamt bleibt die Stimmung aber zuversichtlich. Jetzt setzt auch die Choralmelodie ein – als Kanon in der Oktav, dem Intervall der Vollkommenheit. Ich bin allein dein Gott, der Herr – das erste Gebot als Grundlage und Zusammenfassung aller anderen Gebote. Richtschnur und Wegweiser durch die Zeit.

 

12 -- Fughetta super: Dies sind die heil ‘gen zehn Gebot’   Manualiter   BWV 679

Die zweite Bearbeitung ist eine kleine Fuge über die erste Zeile der Choralmelodie. Dies sind die Heil´igen zehn Gebot - das Thema erstreckt sich über 10 Schläge und tritt insgesamt 10mal auf – 6mal in gerader und 4mal in Gegenbewegung. Das Stück hat den freudigen, bewegten, tänzerischen Charakter einer Gigue und drückt die Freude am Gesetz und an den Geboten aus. Harmonisch gibt es viel Abwechslung im Stück – die 10 Gebote, unser Begleiter durchs Leben, durch dick und dünn.

 

13 --  Wir glauben all an einen Gott   In Organo pleno   BWV 680

Voll erklingt die große Bearbeitung zum Glaubenslied Martin Luthers. Die drei Oberstimmen intonieren eine Fuge. Ihr Thema gewinnt Bach aus der ersten Zeile des Liedes, die gegen Ende des Stückes einmal ganz zu hören ist. Auffällig ist der Themenkopf, – eine besonders akzentuierte Fanfare. Ein gesungenes Bekenntnis. Zu dieser Fuge tritt im Bass ein Ostinato, das sechsmal wiederholt wird und in Auf- und Abwärtsbewegung den Oktavraum durchmisst. Der dreieinige Gott - Gegenstand, Quelle, Fundament unseres Glaubens.

 

14 -- Fughetta super: Wir glauben all an einen Gott   Manualiter   BWV 681

Die Französischen Ouvertüre - das modische Eröffnungsstück seiner Zeit, mit dem Ballette und Opern eröffnet wurden, wählt Bach als Form für die Eröffnung beider Teile seiner Sammlung. Scharf punktierte Rhythmen, die eleganten, raschen Bewegungen der Tiraten... Wie schon im ersten Stück der Sammlung, im Es-Dur Präludium, benützt Bach diese „königliche“ Musik um die Majestät Gottes zu beschreiben.

 

15 -- Vater unser im Himmelreich   a 2 Clav. e Pedale Canto fermo in Canone    BWV 682

Für mich Bachs Auslegung der achten Strophe von Luthers Lied, die sich um die Bitte „Erlöse uns von dem Bösen“ dreht. Die Zeit und Tage sind bös´, sagt Luther. Im Vaterunser bitten wir um Auswege aus dem Jammertal, das das Böse immer und immer wieder aus der Welt macht.

Bach komponiert eine Triosonate und fügt die Liedmelodie - im Kanon geführt - dazu. Jesus hat uns das Vaterunser gelehrt, und die Worte in den Mund gelegt. Wir müssen sie nur nachsprechen.

Bei diesem Stück hat jede Hand zwei Stimmen zu spielen, die Füße den Bass. Bach verwendet modernste Stilmittel: Lombardische Seufzer-Figuren – Gebet als Suchen nach Befreiung vom Bösen. Staccato-Triolen, die das beharrliche Bitten darstellen (Klopfet an, so wird euch aufgetan - Mt 7/7). Chromatisch auf– und absteigende Achtelfiguren beschreiben das Leiden im Jammertal. So entsteht ein sehr komplexes – schwer zu spielendes und auch schwer zu hörendes Werk, von dem dennoch eine tröstliche Stimmung ausgeht: Der Text der Strophe schließt: Bescher' uns all'n ein selig's End'. Nimm unsre Seel' in deine Händ.

 

16 -- Vater unser im Himmelreich  Alio modo. Manualiter   BWV 683

Diesmal bringt Bach in der kleinen Bearbeitung die ganze Melodie des Chorals. Sie ist in der Oberstimme gut zu hören und wird von den drei Unterstimmen von ab- und aufsteigenden Sechzehntelbewegungen begleitet.

Nachdenklichkeit und Aufmerksamkeit des Betens werden spürbar. Durch seine Verheißungen (Bittet, so wird euch gegeben... Mt 7/7) will Gott uns ...erwecken und anzünden, mit Lust und Liebe zu beten (GrKat 760).

 

17 -- Christ unser Herr zum Jordan kam   BWV 684

Ein bewegtes musikalisches Gemälde. Wasserwellen, die an den Jordan denken lassen - in der tiefsten Stimme. Auffällig die vielen Auf- und Abwärtsbewegungen: Sowohl Läufe, als auch Sprünge führen die drei begleitenden Stimmen immer wieder hinauf und hinunter. Dazu kommen in den beiden Oberstimmen noch Achtelmotive, die im Notenbild an ein Kreuz erinnern. All das verwendet Bach um musikalisch darzustellen, worum es in der Taufe geht - mit Christus begraben sein in den Tod und mit ihm auferweckt werden (Röm 6/4). Es gilt ein neues Leben, heißt es im Choraltext.

Martin Luther schreibt im Großen Katechismus: ...man senkt uns ins Wasser hinein, so dass es über uns hergeht, und zieht uns nachher wieder heraus. Diese zwei Stücke, ... das Untersinken unters Wasser und das Wiederherauskommen, deuten auf die Kraft und Wirkung der Taufe, die nichts anderes sind als die Tötung des alten Adam, darnach die Auferstehung des neuen Menschen... (GrKat 826)

Während die unterste und die beiden oberen Stimmen dieser Symbolik des Untersinkens und wieder Herauskommens nachgehen, steht die Choralmelodie in der Mitte für den Kern des Sakraments: Die Taufe Jesu als Anfang seines Erlösungswerkes und als Anfang unserer Erlösung.

 

18 -- Christ unser Herr zum Jordan kam  Alio modo. Manualiter   BWV 685

In seiner Fughetta gewinnt Bach aus der ersten Choralzeile zwei Themen, die meist gemeinsam auftreten. In gerader Bewegung und Umkehrung bilden sie – auf ganz andere Weise als in der ersten Bearbeitung das Auf- und Untertauchen, das Mit-Christus-Sterben und Mit-ihm-Auferstehen ab.

 

19 -- Aus tiefer Not schrei ich zu dir   a 6 in Organo pleno con Pedale doppio   BWV 686

Vier Stimmen sind im Manual zu spielen, zwei im Pedal. Die obere Pedalstimme spielt die Choralmelodie in langen Notenwerten. Die anderen 5 Stimmen bringen die jeweilige Choralzeile als Vorimitation in kürzeren Notenwerten. Viel Dramatik und Chromatik in diesem Stück mit einer zu Bachs Zeit „alter Stil“ genannten Form. Das Lied ist in der lutherischen Kirche stark mit der Beichte verbunden. Das laute Rufen eines zerknirschten Herzens nach Vergebung. Schuldig werden bedeutet, in tiefe seelische Nöte zu geraten.

 

20 -- Aus tiefer Not schrei ich zu dir    Alio modo. Manualiter   BWV 687

Die kleinere Bearbeitung ist eine vierstimmige Fuge mit ruhiger Ausstrahlung. Die Erfahrung der Gnade wird in der letzten Strophe des Liedtextes angesprochen. Ob bei uns ist der Sünden viel, bei Gott ist viel mehr Gnade. So bilden die beiden Bearbeitungen das ab, worum es in der Beichte geht: ... dass du deine Not klagst und dir helfen und ein fröhlich Herz und Gewissen machen lässest (GrKat 864).

 

21 -- Jesus Christus unser Heiland   a 2 Clav.   BWV 688

Ein Trio für Orgel. Die Choralmelodie im Tenor in der Mitte – gespielt vom Pedal. Der Choral wird in der Lutherischen Kirche von Anfang an mit der Feier des Heiligen Abendmahls verbunden. Sehr auffällig ist die bewegte Motivik in den Außenstimmen: große Sprünge, die kleiner werden – später bei Verarbeitung des Motivs (Krebs) auch manchmal größer. Im Notenbild zeigen sie sich als zueinander strebende - fallweise auch auseinanderstrebende Linien. Auch die Kreuzsymbolik ist in diesem Motiv (gleich mehrfach) zu entdecken. Dazu kommen viele Dissonanzen und ein unruhiger Eindruck, der fast bis zum Schluss anhält.

Vielleicht stellt Bach auf diese Weise den Graben dar, der sich zwischen Gott und den Menschen immer wieder auftut und den Jesus ein für alle Mal überbrückt hat, als er ...von uns den Gotteszorn wandt´, durch das bitter Leiden sein. Wir gehen zum Heiligen Abendmahl, damit wir dort solchen Schatz empfangen, durch den wir Vergebung der Sünden bekommen (GrKat 836).

 

22 -- Fuga super: Jesus Christus unser Heiland  a 4 Manualiter   BWV 689

Das Besondere an dieser Fuge: die Einsätze der Themen. Sofort in Engführung, das Auftreten der Einsätze scheinbar willkürlich, keine festen Abstände. Manchmal kommt der nächste Einsatz schon einen Schlag nach vorherigen. Zu betonten und unbetonten Zeiten. Zu jeder Zeit kann ein Einsatz kommen – gerade dadurch bekommt dieses Stück seinen harmonischen Reichtum.

Zufall, oder nicht - im großen Katechismus schreibt Luther: Wenn Jesus sagt: ´So oft ihr´s tut`... ist das deshalb dazugesetzt, weil er das Sakrament frei haben möchte, ohne, dass es an eine bestimmte Zeit gebunden wäre... Es ist als ob Christus sagen wollte: ´Ich setzte euch ... ein Abendmahl ein, das ihr ... oftmals genießen sollt, wann und wo ihr wollt, wie einer gerade die Gelegenheit hat oder es für notwendig hält, ohne an einen Ort oder eine bestimmte Zeit gebunden zu sein` (GrKat 844).

 

23 -- Duetto e-Moll  BWV 802

24  --Duetto F-Dur   BWV 803

25 -- Duetto G-Dur  BWV 804

26 -- Duetto a-Moll  BWV 805

Nach den Bearbeitungen der Katechismus-Lieder folgen vier zweistimmige Stücke als dritter größerer Teil dieses Zyklus. Die vier Duette bilden trotz ihres unterschiedlichen Charakters eine Einheit. Ihre Tonartenfolge führt von e-Moll nach a-Moll. Der letzte Ton des vierten Duetts - a1 - leitet direkt zum b1 über - dem Ton, mit dem das letzte Stück des Zyklus, die Es-Dur Fuge beginnt.

Vielfach wurde nach einem geistigen Hintergrund für die Stücke gesucht. Gesehen hat man ihn zum Beispiel in den vier Elementen. Zumindest interessant, weil in theologisch-mystischen Schriften (Rosenkreuzer) die vier Elemente mit der Trinität in Verbindung gebracht werden: 1.Feuer/Gott der Vater – 2.Luft/der Sohn, Gottes ewiges Wort – 3.Wasser/ Gott Heiliger Geist - 4.Erde/ das Mensch gewordene Wort Jesus Christus, wahrer Gott (1-3) und wahrer Mensch.

 

27 -- Fuga Es-Dur   à 5 con Pedale. Pro Organo pleno.   BWV 552/2

Eine Fuge mit drei Themen, drei Teilen.

Der erste Teil: Ewigkeit. Gott, der immer da war, da ist, da sein wird. Für uns da sein wird als ewige Liebe.

Lange Notenwerte. Schwingungen der Ewigkeit.

Der zweite Teil: Zeit. Unvermittelt wird es schnell, obwohl der Grundschlag weiter geht. Gott geht in die Zeit ein. Er verändert sich und bleibt doch der gleiche. Bach vermag mit Musik auszudrücken, was mit Worten nicht möglich ist. Nicht nur der Puls der Ewigkeit schlägt weiter, auch das erste Thema kommt – leicht adaptiert - zurück und verbindet sich mit dem zweiten Thema. Wie sagt Jesus: "Ich und der Vater sind eins"( Joh 10/30).

Der dritte Teil: Ewiges Leben. Auch hier bleibt der Grundschlag. Ewiges Leben - das worauf wir zugehen. Wo uns der Heilige Geist hinbringen will. Was noch nicht da ist und doch in dieser herrlichen, überschwänglichen, tanzenden Musik erahnt werden kann. Wir werden hineingenommen in diese Ahnung und am Ende sind wir es, die tanzen. Wieder tritt das erste Thema dazu und wir tanzen direkt hinein in die ewige Liebe Gottes.

Am Ende wird Gott sein "alles in allem"(1 Kor 15/28).                                                                               Joachim Grössing

 

Literatur:

 

Brückner Christian, Zum Dritten Teil der Clavierübung von J.S. Bach

www.cbrueckner.ch/pdf/KL24_JSBachClavieruebungIII.pdf

 

Fiseisky Alexander, Clavierübung III of J.S.Bach, Theology in Notes and Numbers

www.thediapason.com/sites/thediapason.com/files/webNov10p26-291.pdf

 

Fiseisky Alexander, Clavierübung III of J.S.Bach, Theology in Notes and Numbers, Part 2

www.thediapason.com/sites/thediapason.com/files/webOct10p22-25.pdf

 

Jacob Andreas, Die Ordnungsprinzipien in Johann Sebastian Bachs Klavierübung

www.sim.spk-berlin.de/uploads/03-forschung-jahrbuch/SIM-Jb_1994-11.pdf

 

Luther Martin, Der große Katechismus - zitiert nach: Lutherisches Kirchenamt der VELKD (Hg.),

Unser Glaube: Die Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche - Ausgabe für die Gemeinde. Gütersloh 1986

 

Luther Martin, Predigt, gehalten am 24. Mai 1539 auf dem Schlosse Pleißenburg zu Leipzig, 1839.

http://digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/6500/1/

 

Radulescu, Michael, Booklet zur CD: Bach Orgelwerke: Organ Works Vol. 2 Clavier-Übung Part III -

BWV 552, 669-689, 802-805 Deutsche Harmonia Mundi 05472-77276-2, Freiburg 1992